Frohe Pfingsten

Noch immer sind weite Teile der Welt von den Einschränkungen des Lebens durch das Coronavirus betroffen. Es zeigt sich, dass unsere moderne Zivilisation verwundbar und hilflos ist. Für uns Christen ist das eigentlich keine Neuigkeit. Unser Leben in dieser Welt verstehen wir als eine abenteuerliche Reise zu unserer eigentlichen Heimat, der Begegnung mit Gott. Zu allen Zeiten war dieser Weg mit großen Gefahren verbunden – geistlichen wie materiellen. Der christliche Glaube hatte sich zu bewähren in Krieg und Verfolgung, in Seuchen und Naturkatastrophen, in den vielen kleinen und großen Tragödien des menschlichen Miteinanders. Die Pandemie macht diesen Aspekt des menschlichen Lebens wieder sehr anschaulich. Das Leben ist bedrohter als wir dachten.

Bewußt oder unbewußt haben auch viele Christen das Credo von der Machbarkeit der Welt übernommen. Die Wissenschaftsgläubigkeit konnte den weit verbreiteten Irrtum befördern, dass der technische Fortschritt früher oder später die Gefahren für das menschliche Leben weitgehend beseitigen könne. Und wenn das momentan noch nicht der Fall ist, sollte wenigstens Handlungsfähigkeit demonstriert werden durch das Zählen von „Fällen“ und Analysieren von Statistiken, deren mangelnde Aussagekraft für jeden offensichtlich war.

Für die Zukunft werden einige drängende Fragen bleiben: Inwiefern haben die ergriffenen Maßnahmen den Verlauf der Pandemie beeinflußt? Wie kann ein Fehlalarm angesichts einer Epidemie mit zu erwartender Übersterblichkeit vermieden werden? Wie hat sich die Suizidrate während der Pandemie entwickelt? Gab es viele schwere Krankheitsverläufe bei Nichtinfizierten, die auf eine Nichtbehandlung bedingt durch den Lockdown zurückzuführen sind? Welche hygienischen Schutzkonzepte braucht eine globalisierte Welt sinnvollerweise? Man ahnt, dass angesichts dieser Fragen das staatliche Handeln wohl selbst an die Grenzen des Machbaren geführt werden wird. Wie wohl täte in diesem Zusammenhang aus dem Mund eines Verantwortlichen aus Forschung oder Politik das ehrliche Bekenntnis „Ich weiß, dass ich nichts weiß“! Hoffentlich wird die Menschheit einmal mehr ihre Lernfähigkeit beweisen, aber hoffentlich wird sie sich nicht der Illusion hingeben, die Bedingungen ihres Fortbestehens könnten durch sie „gewußt“ oder womöglich „gemacht“ werden.

Das Pfingstwunder traf die junge christliche Gemeinde in einer Situation der Verunsicherung und der Bedrohung wie uns die Apostelgeschichte berichtet. Am Pfngsttag erfahren sie eine Kraft „von oben“, die sie den Heiligen Geist nennen und mit Sturm und Feuer vergleichen (Apg 2). Die Transzendenz dieses Geschehens macht deutlich, dass es sich bei dieser Erfahrung gerade nicht um die Frucht einer gemeinsamen Kraftanstrengung handelte (auch wenn sie sich nach der Himmelfahrt nicht mehr trennten und im beständigen Gebet ausharrten). Die Gabe des Heiligen Geistes ist eine Gnade – das Geschenk, zum ersten Mal ganz am Leben Gottes teilnehmen zu dürfen.

Die Zeit der Kirche, die dann nach dem Pfingsttag anbricht, ist bezeichnenderweise nicht einfach eine Erfolgsstory. Die Verkünder des Glaubens gehen zwar mit der Botschaft ihres Meisters bis an die Enden der Erde, aber ihre Mission ist gleichzeitig wie ein Stich ins Wespennest der alten Welt. In einem ungeahnten Furor werden „die Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,1) zu Opfern der vorherrschenden Ideologien, die sich belästigt fühlen von Gläubigen, die mit ihrer Aussicht auf ein Leben im Himmel, die gewohnte, innerweltliche Logik auf geradezu aberwitzige Weise zu entwerten scheinen. Wie soll ein gesellschaftliches Leben möglich sein, wenn ein Teil der Menschen auf ein ominöses Leben nach dem Leben schielt? Mit denen ist doch kein Staat zu machen!

Im weiteren Verlauf der Geschichte haben die Christen dann bewiesen, dass sie durchaus willens waren in diesem „Tal der Tränen“ (Ps 84,7) mit hand anzulegen, besonders für ihre leidenden Brüder und Schwestern. Sie taten das nicht trotz, sondern w e g e n ihrer Jenseitserwartung. Dieses Leben ist Zeit der Bewährung für das andere Leben, besonders in der Liebe. Was Gott liebt, daran kann sein Diener nicht achtlos vorübergehen. Aber die Trennung bleibt: Das Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Die Kraft kommt von oben. (Joh 3,3)

Ich wünsche allen ein gesegnetes Pfingstfest. Der Beistand wird uns Christen alles lehren, was wir in dieser oder einer der vielen zukünftigen Krisen wissen müssen. (Joh 14,26)

Pfingstikone in der Abtei Dormitio in Jerusalem

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