Kirche und Staat in Mexiko: Nähe und Distanz (IV)

von Hubert Gehring / Markus-Liborius Hermann

Der aktuelle Zustand der Beziehungen – Katholischer Präsident = katholische Politik?

Im Jahr 2000 wurde das Herrschaftsmonopol des PRI nach 71 Jahren gebrochen. Die Kirche begleitete den demokratischen Übergang, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist, fördernd und unterstützend. Neuer Präsident wurde der PAN-Kandidat Vicente Fox, der seinen katholischen Glauben offen praktizierte. Manche erwarteten (oder befürchteten), dass die katholische Kirche mit dem politischen Wandel die Macht und den Einfluss früherer Zeiten zurückgewinnen würde. Doch dies scheint nicht der Fall zu sein. Die oben beschriebenen, auch durch die Verfassungsreform von 1992 nicht aufgehobenen Restriktionen gelten nach wie vor.

Hinzu kommen die neuen Spielregeln der Demo- kratie, die die Beziehungen zwischen Kirche und Staat neu definieren. Zu Zeiten der „perfekten Diktatur“ des PRI wurden erstaunlicherweise kaum kirchenkritische Filme gezeigt. Die letzte Versuchung Christi von Martin Scorsese fand 1988 nicht den Weg in die mexikanischen Kinos. Unter der Regierung Fox aber wurde der Vertrieb des Films Die Versuchung des Padre Amaro im Jahr 2003 nicht untersagt. Die katholische Kirche protestierte zwar heftig, aber erfolglos. Dies ist auch nicht verwunderlich: Ein Verbot, also eine staatliche Zensur, hätte die PAN-Regierung als verlängerten Arm der Kirche erscheinen lassen. Das Aufkommen eines solchen Verdachts sollte vermieden werden. Bislang hat sich der PAN zur Zurückhaltung gegenüber der Kirche und den der Kirche nahestehenden Organisationen entschieden

2003 veröffentlichte der Bischof von Querétaro, D. Mario de Gasperin Gasperin, ein pastorales Schreiben mit dem Titel So wählt ein Christ. In die- sem Schreiben wurden die Bürger u.a. ermutigt und aufgefordert, an Wahlen teilzunehmen. Des Weiteren, so führte der Bischof aus, müssten christliche Wähler auch die christlichen Werte bei ihrer Wahlentschei- dung berücksichtigen. Parteien mit gegenteiligen Werthaltungen seien deshalb nicht zu unterstützen. Der Veröffentlichung des Schreibens folgte eine Klage durch die Partei México Posible, die sich angegriffen fühlte und den Artikel 29 des Gesetzes für Religiöse Gemeinschaften und den Öffentlichen Kult (LARCP) von 1992 verletzt sah. Dieser untersagt den Kirchen die Einmischung in Wahlkämpfe. Der Prozess endete mit einem Freispruch, der die Meinungsfreiheit als das fundamentale Grundrecht zur Geltung brachte. Doch allein schon die Zulassung des Rechtsstreits und die damit verbundenen Vorladungen und Rechtfertigungszwänge waren etwas Neues für die Kirchenvertreter. Die Partei México Posible scheiterte im Übrigen mit ihrem Versuch, bei den Wahlen im Juli 2003 in den Kongress einzuziehen.

Ebenfalls im Jahr 2003 wurde der Erzbischof von Guadalajara, Juan Sandoval Íñiguez, wegen Geldwäsche und Drogenhandel angeklagt. Erstmalig in der Geschichte Mexikos wurde die Glaubwürdigkeit eines hohen Geistlichen, zumal eines Kardinals, durch eine polizeiliche Untersuchung in diesem Maße in Frage gestellt. Die Untersuchungen ergaben die Unschuld des Erzbischofs. (Jedoch kursieren unbestätigte Gerüchte, dass zwar nicht der Erzbischof selbst, jedoch Personen aus seinem Umfeld in diese Geschäfte verwickelt waren. Veranlasst wurden sie durch hohe Ausgaben der Kirche in dieser Zeit, u.a. für Kirchenbauten.)

Auch die Wege und Mechanismen der Kommunikation haben sich in den letzten Jahren gewandelt. Gespräche zwischen der Kirche und den PRI-Regierungen wurden zwar stets auf geheimer und rein persönlicher Ebene geführt, doch trotz der teilweise noch antiklerikalen Haltung der letzten PRI-Regierungen waren die Beziehungen nach Auskunft von Klerikern Ende der achtziger und in den neunziger Jahren offen und respektvoll.

Und da die Präsidenten über eine schier unbegrenzte Machtfülle verfügten, wurden ihre mit den Kirchenoberen getroffenen Übereinkünfte auch um- gesetzt.

Dies hat sich unter Präsident Fox gewandelt. Zwar bestehen, wie in allen anderen Bereichen der Politik, auch persönliche Kontakte zwischen den mexikanischen Bischöfen, dem päpstlichen Nuntius sowie den Repräsentanten von Regierung und Parteien, doch erscheinen die Resultate dieser persönlichen Kontakte weit weniger weitreichend als früher. So sind die Beziehungen zwischen Staat und Kirche heute institutionalisiert. Es gibt sowohl in der Regierung als auch in der Mexikanischen Bischofskonferenz Abteilungen, deren Aufgabe ausdrücklich im Dialog zwischen beiden Institutionen besteht.

Aktuelle Forderungen der Kirche, z.B. die nach vollem Bürgerrecht für Kleriker oder die Möglichkeit, Religionsunterricht an staatlichen Schulen anzubieten, sind legitim, doch in der momentanen politischen Situation, in der andere wichtige Reformen in den Bereichen Energie, Steuern und Wirtschaft aus parteipolitischen Gründen von der Opposition verhindert werden, nur schwer zu verwirklichen.

Manche Experten sind allerdings der Meinung, dass die Kirche kein wirkliches Interesse habe, diese Anliegen durchzusetzen. Religionsunterricht werde zwar nicht an staatlichen, jedoch immerhin an kirchlichen Schulen erteilt, die Übernahme politischer Mandate durch katholische Priester sei durch das Kirchenrecht ohnehin prinzipiell nicht gestattet, und was die Öffnung der Medien für die Religionsgemeinschaften betrifft, so gebe es die Befürchtung, man werde auf diesem Felde der Konkurrenz der US-amerikanischen Sekten, die über große finanziellen Ressourcen, mehr Erfahrung und das entsprechend ausgebildete Personal verfügen, nicht gewachsen sein. Es ist in diesem Kontext schwierig, von den Beteiligten klare und eindeutige Stellungnahmen zu erhalten.

Auf Bundesebene scheint eine direkte Einflussnahme der Kirche auf die Politik gering zu sein. In den Bundesstaaten ergibt sich jedoch der Eindruck, dass der Einfluss der Kirche auf die politischen Ent- scheidungsträger zunimmt, da die Kirche vor Ort in der Regel in einem engen Kontakt mit den Menschen steht. Ein katholischer Priester in Mexiko hat noch heute eine gesellschaftliche Position, wie sie in Deutschland vor vielleicht vierzig Jahren zu finden war. Ein Bischof ist eine gesellschaftspolitische Instanz. Der Gehorsam, der den mexikanischen Priestern und Bischöfen von der mehrheitlich katholischen Bevölkerung entgegen gebracht wird, ist in manchen Gegenden noch immer von beachtlicher Reichweite. Doch der politische Einfluss ist in der Regel von der Person des Bischofs abhängig. Ist dieser in seinen öffentlichen und politischen Beziehungen aktiver, wachsen seine Einflussmöglichkeiten. Und da die Regierenden auch in den Bundesstaaten und Kommunen auf die Unterstützung der Bevölkerung bei Wahlen angewiesen sind, hat die Kirche einen gewissen Einfluss. Auf jeden Fall sind politische Vorhaben gegen die Kirche bedeutend schwerer durchzusetzen, als ohne ihren negativen Kommentar oder gar mit ihrer Unterstützung.

Die Einflussmöglichkeiten der Kirche bei der Zulassung neuer religiöser Gemeinschaften waren in jüngster Vergangenheit jedoch gering. Die „Kirche des Heiligen Todes“, die einen äußerst fragwürdigen Totenkult ausübt, wurde vor kurzem von der zuständigen Behörde der PAN-Regierung problemlos registriert. Alle Protestnoten der Kirche, die die Regierung aufforderten bei ihrer Überprüfung sorgfältiger vorzugehen, brachten kein Ergebnis.

Angeführt sei aber auch ein Fall jenseits der neuen Regeln im Rahmen der pluralistischen Demokratie – der Mord am Erzbischof von Guadalajara, Juan Jesús Posadas Ocampo. Kardinal Posadas wurde 1993 auf dem Flughafen von Guadalajara erschossen. Die Gründe dieses Verbrechens wurden bis heute nicht aufgeklärt, was auch von seinem Amtsnachfolger, Bischof Sandoval, immer wieder beanstandet wurde. Der erste offizielle Bericht 1993 kam zu dem Ergebnis, der Bischof sei ins „Kreuzfeuer“ zweier rivalisierender Drogenbanden geraten. Jedoch wurde festgestellt, dass aus kurzer Distanz auf den Erzbischof geschossen worden war. Die Theorie der damaligen PRI-Regierung bestand darin, den Bischof selbst mit den Drogenhändlern und ihren Geschäften in Kontakt zu bringen. Dies wird jedoch von vielen Bischöfen und Politikern bezweifelt. Manche sehen in dem Anschlag wenige Monate nach Wiederaufnahme der Beziehungen zu Rom eine Reaktion der „Dinosaurier“ des PRI auf den Versöhnungskurs des Präsidenten Salinas. Auch Kenntnisse des Bischofs über den Drogenhandel und die involvierten Personen könnten ausschlaggebend gewesen sein. Nach dem Regierungswechsel 2000 erhofften die Bischöfe eine Aufklärung des Verbrechens. Doch auch unter der Regierung von Präsident Fox blieb der Fall Posadas unaufgeklärt.

Ausblick

Die katholische Kirche ist nach ihrem Selbstverständ- nis immer auch politisch, da sie in der Gesellschaft wirkt. Sie will und muss sich also auch in Mexiko mit den politischen Rahmenbedingungen auseinander- setzen, da diese das Leben der Gläubigen und der Kir- che selbst beeinflussen. Der christliche Glaube, so wie er von der katholischen Kirche gelehrt wird, hat kon- krete Auswirkungen im Verhalten des Menschen. Dies formulieren Theologen und Soziologen als „Option für die Armen und Unterdrückten“. Auf Grund dieser Option steht auch die Kirche in Mexiko nach ihrem Selbstverständnis automatisch in einem politischen Diskurs mit den Regierenden und den gesellschaftlichen Kräften. Hinzu kommt, dass Priester und Ordensleute auch in den Landstrichen anzutreffen sind, in die sich die Politiker nur selten verirren.

In Mexiko genießt die katholische Kirche bis heute Glaubwürdigkeit und Vertrauen. In allen diesbezüglichen Umfragen belegt sie entweder einen der vordersten oder den ersten Platz. Die Religiosität der Mexikaner bleibt, trotz eines auch in Mexiko zu beobachtenden säkularisierenden Trends, beeindruckend. Die Kirchen sind immer voll, Gottesdienste, Wallfahrten und Marienverehrung sind elementarer Bestandteil des mexikanischen Lebens. Als Beispiel sei nur die Verehrung der Jungfrau von Guadalupe, der Patronin Mexikos, genannt. Ihr Bild ist in fast allen Häusern des Landes zu finden und an ihrem Festtag, dem 12. Dezember, kommen vier bis fünf Millionen Menschen zu der ihr geweihten Kirche in Mexiko-Stadt.

Doch voraussichtlich wird der Einfluss der katholischen Kirche künftig auch in Mexiko abnehmen. Nichtsdestoweniger kann man davon ausgehen, dass die Meinung der Kirche über Kandidaten und Programme zum Beispiel bei zukünftigen Wahlen ins Gewicht fallen wird, auch wenn ihre Stimme Wahlen nicht entscheiden wird.

Den Kirchen wird im Rahmen der fortschreitenden Demokratisierung und Stärkung des Rechtsstaates vermutlich auch der Zugang zu den öffentlichen Massenmedien gestattet werden, und ähnlich wie in den USA wird mit der Zeit höchstwahrscheinlich eine Vielzahl von religiösen Sendern jeglicher Couleur den Markt berieseln.

Es ist davon auszugehen, dass die katholische Kirche in Mexiko offen ihre Meinung artikulieren wird. Diese wird Zustimmung oder Ablehnung finden, jedoch keine fundamentale Feindschaft, die ihr das Recht auf freie Meinungsäußerung aberkennen will.

Wie schon in der Vergangenheit und der Gegenwart wird sich die katholische Kirche auch in Zukunft in vielen Bereichen als Partner der Regierung erweisen: in der Unterstützung des demokratischen Wandels, der Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und im Eintreten für gegenseitigen Respekt und die Rechte der Armen. Auch in Zukunft wird man in Mexiko mit der Kirche rechnen müssen.

Nach der Diskussion über das Verhalten des Präsidenten Fox beim Empfang des Papstes wurde eine Umfrage durchgeführt, in der die Meinung der Mexikaner über den kritisierten Kuss ermittelt wurde. Die Antwort: Die überwältigende Mehrheit (79 Prozent) sah kein Problem im Kuss des Ringes. Im Gegenteil: Das Verhalten von Präsident Fox spiegelte die religiöse Praxis der Mehrheit des Volkes wider. Hätten die Mexikaner gekonnt, sie hätten den Ring des Papstes auch geküsst.

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