Eine Oligarchie in der Verkleidung einer Demokratie

Papst Benedikt XVI. besucht ab 23. März Mexiko. Im Interview der Katholischen Nachrichten- Agentur (KNA) spricht Ralf Hirsch (42), Pfarrer der deutschsprachigen und einer spanischsprachigen Gemeinde in der 20-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt, über die Probleme der mexikanischen Gesellschaft, die Rolle der Kirche in dem laizistischen Land und seine Erwartungen an den Papstbesuch:

KNA: Herr Pfarrer Hirsch, das gängige Bild von Mexiko ist hierzulande: Cancun, Maya-Tempel, Drogenkrieg, illegale Migration. Ein schiefes Bild?

Hirsch: Dieses Land hat so viele Facetten. In den Metropolen gibt es die ganze Bandbreite von Arm und Reich, auf dem Land eine noch viel schwächere Entwicklung – und daher massive Landflucht. Es gibt große Probleme in der Infrastruktur, bei Bildung, Gesund- heit. Eine jüngste Statistik besagt, dass in Mexiko jährlich 85.000 Menschen im Zuge von Mangelernährung sterben, mehr als die 49.000 durch Gewalt und Drogenkriminalität. Die Bevölkerungspyramide ist gegenüber Westeuropa umgekehrt: enorm viele Kinder und Jugendliche, die auf absehbare Zeit keine Chancen auf Bildung, sozialen oder wirtschaftlichen Aufstieg haben.

KNA: Und da setzen dann Drogenmafia und organisierte Kriminalität an?

Hirsch: Im Drogenhandel sehen viele ihre einzige Chance auf Teilhabe. Das erklärt auch die Hartnäckigkeit und Intensität des Phänomens. Schließlich geht Präsident Felipe Calderon schon seit sechs Jahren massiv dagegen vor. Und doch ist die Drogenkriminali- tät eine Wirklichkeit, die das Land zunehmend prägt, vor allem in bestimmten Stadtteilen. Mexiko ist eine Klassengesellschaft. In der gehobenen Mittel- und Oberschicht gibt es dann das Phänomen einer Art „Gegengesellschaft“, die vor allem nach Sicherheit strebt.

KNA: Können Sie und Ihre Gemeindemitglieder sich denn im Alltag sicher fühlen?

Hirsch: Natürlich gibt es viel Armut, Neid und auch Kriminalität und Gewalt. Und es gibt wie überall Viertel, zu denen man zu bestimmten Tageszeiten besser nicht hingeht. Aber es gibt auch das Phänomen einer geschürten Angst und einer Selbstabschottung in Sicherheitsgettos. Die Oberen leben ihren Wohlstand auf dem Rücken der Mehrheit. Das will man nicht unbedingt täglich zur Kenntnis nehmen – und hält daher die anderen draußen.

KNA: Und die Mechanismen der Demokratie greifen nicht?

Hirsch: Ein grundlegendes Problem ist, dass die Bevölkerung nicht wirklich teilhat und
wertgeschätzt wird. Mexiko ist eine Oligarchie in der Verkleidung einer Demokratie; der
Wille des Volkes kommt nicht zum Ausdruck. Das Gefühl hier ist: Demokratie ist ein Spiel reicher Leute. Der Schlüssel wäre eine umfassende Entwicklungs- und Bildungsinitiative. Aber da gibt es das Problem der Korruption – die wiederum ein üppiger Nährboden für armutsbedingte Gewalt ist.

KNA: Ein weiteres Problemfeld ist die Migration: Mexiko ist ein Durchgangsland für Migranten aus Mittelamerika. Hat die katholische Kirche bei diesem Thema ein Mandat der Bevölkerung, eine Stimme, die gehört wird?

Hirsch: Obwohl es in Mexiko 80 oder 90 Prozent Katholiken gibt, haben wir aus der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts eine extrem laizistische Verfassung. Die Möglichkeiten zur politischen Betätigung der Kirche sind sehr begrenzt. Es ist streng verboten, sich im kirchlichen Kontext politisch zu äußern. Wer das trotzdem tut, kann nach geltendem Recht verklagt und verurteilt werden. Trotz einer intensiven Caritas-Arbeit – und obwohl sie das Bewusstsein vieler Menschen prägt – ist die mexikanische Kirche also im gesellschaftspolitischen Diskurs kaum zu hören.

KNA: Aber Migration ist doch ein Thema im Land?

Hirsch: Ein sehr heißes sogar – denn es geht ja nicht nur um durchziehende Migranten aus Mittelamerika, sondern auch um die Verluste an eigenem Potenzial. Gerade die, die eine bessere Zukunft unbedingt wollen, wandern Richtung USA ab – aus blanker Not oder aus bewusster Planung.

KNA: Gibt es bei diesem Thema denn auch Brücken zur Kirche in den USA?

Hirsch: Die Beziehung von Mexikanern und US- Amerikanern ist wie die von Brüdern, die wissen, dass es dem einen besser, dem anderen schlechter geht. Weder in Politik noch Kirche noch Wirtschaft gibt es eine Begegnung auf Augenhöhe: auf Seiten der US- Amerikaner eine Neigung zu Arroganz und Überheblichkeit, auf mexikanischer Seite einen Unmut der Verzweiflung und starke Minderwertigkeitsgefühle. Andererseits, positiv gewendet: Gemessen daran, wie katastrophal hier manche Zustände sind, sollte man einen Bürgerkrieg erwarten. Aber die Menschen hier schaffen es, auch in einer 20-Millionen-Stadt ein einigermaßen geregeltes Leben zu führen. Mit großem familiären Zusammenhalt, einer Lebensbejahung und einer Zufriedenheit, wo unsereins niemals zufrieden wäre.

KNA: Erwarten Sie Aussagen des Papstes zur Migrationsproblematik bei seinem Besuch?

Hirsch: Er wird das Thema sicher zur Sprache bringen: die Solidarität mit den Armen und Entrechteten und die Anwaltsfunktion der Kirche. Aber man wird nichts grundsätzlich Neues dazu erwarten dürfen. Gerade Benedikt XVI. hat ja eine große Sensibilität für diese Fragen. Entscheidend wird sein, ob er als Hirte wahrgenommen wird.

KNA: Wie meinen Sie das?

Hirsch: In Mexiko ist Johannes Paul II. der Überpapst, der Papst der Herzen. Er war fünf Mal hier, hat mit seiner charismatischen Art tausend bürokratische Schwierigkeiten überwunden. Das war hier eine echte Revolution. Bislang hat man ihm gerade mal verziehen, dass er gestorben ist und man aus technischen Gründen einen Nachfolger wählen musste.

KNA: Das heißt, Benedikt XVI. muss in Mexiko erst mal aus dem Schatten seines Vorgängers treten?

Hirsch: Er würde sich große Verdienste erwerben, wenn er hier die positive Rolle der Kirche herausstellen würde. Mexiko ist neben Brasilien das Land mit der stärksten katholischen Bevölkerung. Es gilt, das enorme Potenzial der volkskirchlich

en Strukturen wertzuschätzen und aufzuwerten, etwa mit der Verehrung der Jungfrau von Guadaloupe – und die massiven Einbrüche auszugleichen mit Impulsen für die Bildungsarbeit und die Neuevangelisierung. Und wenn er das im „Geist von Aparecida“ tut, also mit einer vorrangigen Option für die Armen und einer Betonung der Einbeziehung von Laien, dann wird er auch Erfolg haben.

 

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