Mexiko und die Mauer

von Andreas Ross, Frankfurter Allgemeine Zeitung /

An sich sei er ein braver Katholik, sagt der 34 Jahre alte Bürgermeister. Doch nachdem ihn die ersten Zeitungen im Mai zum David in einem Kampf gegen Goliath erklärten, „da habe ich noch einmal in der Bibel nachgeschlagen“. Raúl Reyes gefiel, was er las. „Hier stehen wir, das Städtchen El Cenizo, mit nur ein paar Steinen in der Hand“, sagt der junge Mann bedächtig, „und trotzdem nehmen wir es mit dem Staat Texas und mit Donald Trump auf.“

Im Mai hatte Gouverneur Greg Abbott ein Gesetz unterzeichnet, das Texas zur Speerspitze des vom Präsidenten befehligten Feldzugs gegen sogenannte Zufluchtsstädte („sanctuary cities“) machen sollte. Von diesem Donnerstag an hätten Bürgermeister und kommunale Polizeichefs mit Geld- und sogar Haftstrafen belegt werden sollen, wenn sie ihre Polizeikräfte daran hindern, den Aufenthaltsstatus potentieller Migranten zu kontrollieren.

Doch am Mittwochabend stoppte ein Bundesrichter in San Antonio das Gesetz. Die Kommunen müssten es sich bis auf weiteres nicht gefallen lassen, dass der Staat jeden Schutzpolizisten zum Helfer der Einwanderungspolizei machen wolle. Denn laut Verfassung dürfe allein der Bund das Einwanderungsrecht durchsetzen. Die größten Städte von Texas, allesamt Hochburgen der Demokraten, wollten nicht nur ein politisches Zeichen setzen. Sie fürchten, dass das Vertrauen vor allem der hispanischen Einwohner in die Polizei untergraben werde – und damit die Sicherheit. Doch es waren nicht Metropolen wie Houston, Dallas, Austin oder San Antonio gewesen, die in dem Rechtsstreit die Initiative ergriffen.

Reyes ist für Bürgerrechtler ein Held

Als erste Kommune hatte El Cenizo den Staat im Mai verklagt: ein Grenzkaff mit 3300 Einwohnern und 13 Straßen, das erst seit wenigen Jahren über Straßenlaternen verfügt, dessen drei Polizisten tagsüber ihrem Hauptberuf in der Ölwirtschaft nachgehen und das seinen Bürgermeister mit monatlich hundert Dollar für seine Mühen entschädigt. Raúl Reyes hat Goliath mit seinem ersten Stein zu Boden gebracht. Im Gegensatz zur biblischen Geschichte ist der Feind allerdings noch nicht geschlagen. Abbott will das Urteil anfechten. Die Sache dürfte vor dem Supreme Court landen.

„Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte“, jubelt Reyes am Mittwoch. Er wurde in Texas geboren, aber er kennt das Gefühl, von Polizisten als illegaler Einwanderer verdächtigt zu werden. Bürgerrechtler feiern Reyes nun als Helden. Doch in seiner Stadt kann er nicht damit rechnen, für den Erfolg bejubelt zu werden. Zwar lebe dort nur eine einzige weiße Familie, die eines Pastors. Alle anderen Einwohner hätten Wurzeln in Mexiko. Doch die wenigsten scherten sich um Politik. Die Leute seien mit ihrem Alltag ausgelastet.

Viele arbeiten im gut eine halbe Autostunde entfernten Laredo, wo es einen großen Grenzübergang gibt und Hunderte Speditionen Packer beschäftigen. Auch zum Einkaufen müssen die Bürger von El Cenizo nach Laredo. Vor dreißig Jahren arbeiteten die meisten noch in Nuevo Laredo, der viel größeren Stadt auf der mexikanischen Seite der Grenze. Sie hatten sich am texanischen Ufer des Río Bravo für Spottpreise Brachland gekauft und simple Hütten errichtet. „Weil man hier Eigentum haben konnte“, erklärt Reyes, „und weil Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist.“ Damals war El Cenizo nur eine von Hunderten „Colonias“ in Texas, ohne asphaltierte Straßen, ohne politische Vertretung. Erst 1998 wurde eine Stadt daraus.

Bürgermeister wehrt sich gegen Jagd auf „Illegale“

Schon ein Jahr später geriet El Cenizo in den Strudel des Einwanderungsstreits. Da hatte der Stadtrat beschlossen, auf Spanisch zu tagen. Fälschlich behaupteten die Verfechter einer strengeren Einwanderungspolitik, die Stadt habe Spanisch zur „Amtssprache“ erklärt. Reyes ging da noch zur Schule, aber noch immer regen ihn die „Fake News“ von damals auf, dass El Cenizo die mexikanische Flagge gehisst habe. Auf dem Stadtwappen prangen die amerikanischen „Stars and Stripes“ einträchtig neben der mexikanischen Trikolore. Niemand habe zur Kenntnis nehmen wollen, dass es der Stadt um politische Teilhabe gegangen sei. Bis heute spricht man in El Cenizo Spanisch.

Reyes schätzt, dass jede dritte Familie im Ort mindestens ein Mitglied hat, das gar nicht in den Vereinigten Staaten sein dürfte. „Aber darum kümmere ich mich nicht.“ Würde Trumps Grenzmauer je Wirklichkeit, so wäre El Cenizo von drei Seiten eingemauert, denn der Ort grenzt im Osten, Süden und Westen an Mexiko. Doch das ist Reyes’ geringste Sorge. „Unsere Rancher würden ihr Land am Ufer nie für eine Mauer hergeben.“

Vor rund zehn Jahren war eine Bürgerwehr in den Ort gekommen. Schwer bewaffnete „Minutemen“, allesamt Weiße, wollten auf dem Sportplatz ihr Lager aufschlagen und Jagd auf „Illegale“ machen. Reyes machte dem Spuk ein Ende: Er verlangte 500 Dollar für die Nutzung des Sportplatzes. Doch auch er plädiert für einen besseren Grenzschutz. Mit moderner Technik solle Trump eine „virtuelle Mauer“ bauen, fordert Reyes. Denn auch in El Cenizo seien es die Bürger leid, dass nachts Migranten über ihre Grundstücke irren.

Vor lauter Aufregung über die Sprach-Verordnung war 1999 ein zweiter Erlass untergegangen. Er besagt, dass sich niemand in der Stadtverwaltung je nach dem Aufenthaltsstatus eines Einwohners erkundigt. El Cenizo bezeichnete sich deshalb als „sicherer Hafen“ – und heute beschimpfen oder preisen die Widersacher im Einwanderungsstreit den Ort als erste „sanctuary city“ von Texas. Doch davon will Reyes nichts wissen. Solange Trump und Abbott „Zufluchtsstädten“ Zuschüsse kürzen und anderweitig das Leben schwermachen, will er seine Stadt nicht mit diesem Titel schmücken.

Und doch hat Reyes keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich nie Abbots Gesetz unterwerfen und es den drei freiwilligen Polizisten von El Cenizo erlauben würde, Latinos nach ihren Papieren zu fragen. Sollte das Gesetz doch noch in Kraft treten, würde er wohl rasch seines Amtes enthoben, sagt Reyes. Dann müsste sich ein anderer mit den streunenden Hunden, dem verschmutzten Trinkwasser und der Rechnung für die Straßenbeleuchtung herumschlagen. „Eigentlich täten sie mir einen Gefallen“, witzelt Reyes und scheint kurz an die Möglichkeiten zu denken, die sich ihm als Absolventen einer Business School anderswo eröffnen würden. Doch rasch besinnt er sich auf seine Mission. „Unser Kampf ist größer als El Cenizo“, sagt der 34 Jahre alte Politiker. „Es geht um die Zukunft unserer Nation.“

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