Wie eine Deutsche in Mexiko die Reise von Franziskus erlebt

Überwältigende Freude: Das ist bislang die Reaktion auf den Besuch von Papst Franziskus in Mexiko. Aber das Land wird nach seinem Besuch auch ein anderes sein, erzählt Katharina Rothweiler im Gespräch mit CNA Deutsch. Sie lebt mit ihrer Familie und drei Kindern in Mexiko und arbeitet bei Red Familia. Während des Papstbesuches fungiert sie als Sprecherin des Mediennetzwerks Pontifex.

CNA: Frau Rothweiler, was erwarten die Mexikaner vom Papstbesuch?

ROTHWEILER: Die Mexikaner sind ein von Grund auf sehr freudiges, frohes Volk. Die Freude und Hingabe des mexikanischen Volkes bei schon vergangenen Papstbesuchen ist immer beeindruckend gewesen. Sie säumen die Strassen kilometerweit, nur um den Pontifex im Vorbeifahren grüssen zu können.

Die Mexikaner fühlen sich jedoch vielmehr geehrt, das Oberhaupt der Kirche willkommen heißen zu dürfen, ihm die ersehnte Begegnung mit unserer Muttergottes von Guadalupe ermöglichen zu dürfen. Jeder Meter der Straßen, die er entlang fährt ist gesäumt mit Menschenmassen, die den Heiligen Vater mit Sprechchören und Liedern auf seinem Weg begleiten. Seit den frühen Morgenstunden hüten sie ihre Plätze, um nur einen Blick auf Papst Franziskus werfen zu können. Diese Stimmung und die Freude der Menschen in den Straßen sind überwältigend und einzigartig.

Eine Erwartung, im Sinne von Ansprüchen haben die Mexikaner nicht. Dennoch besteht eine Hoffnung, dass der Besuch des Papstes ein Zeichen des Friedens und der Hoffnung ist. Der Papstbesuch gibt dem mexikanischen Volk neue Inspiration und Motivation, vor allem in der schwierigen Situation des Drogenkrieges, der Korruption, der Migration und der Armut in diesem Land.  Sicherlich wird Papst Franziskus diese Themen spezifisch ansprechen, auch da seine Stationen in Mexiko auf diese Themen abgestimmt sind. Er besucht sowohl nördlich als auch südlich Grenzstädte.

CNA: Wird es ein Mexiko vor, beziehungsweise nach dem Besuch von Franziskus geben?

ROTHWEILER: In der Tat spricht man hier in Mexiko bereits von einem „davor” und „danach” des Papstbesuches. Dies ist sicherlich auch daher begründet, dass besonders die Besuche des Heiligen Papstes Johannes Pauls II. jeweils großen Einfluss auf  das mexikanische Volk, ihre Verwurzelung im Glauben und ihre Hingabe zur Mutter Gottes von Guadalupe hatten. Dieser Sympathie für den Papst bleiben die Mexikaner treu und begegnen auch Papst Franziskus mit Liebe und hoher Wertschätzung. Es scheint als würden die Mexikaner all ihren Schmerz und ihre Sorgen in die Hände des Heiligen Vaters legen. Immer wieder wird davon gesprochen, dass er kommt, um der Mutter Gottes in die Augen schauen zu dürfen, um vor ihr zu beten und das mexikanische Volk vor allem als Missionar des Friedens und der Barmherzigkeit zu besuchen.

Für das „Danach“ wird eine Kirche erhofft, die Tore und Arme öffnet, um die Menschen mit ihrem Schmerz und ihren Sorgen aufnimmt und tröstet. Eine Kirche, die Familien in ihren Herausforderungen begleitet, besonders Familien, die in Armut leben oder mit Trennung zurecht kommen muss– oft leben Familienangehörige in den USA, nur um die Familie finanziell zu unterstützen. Man erhofft sich vielleicht sogar einen Sinneswandel, der Korruption, dem Drogenhandel und der Kriminalität entgegenwirkt.

CNA: Die Stationen des Papstes sind auch Stationen der Anliegen des Landes, oder? Können Sie diese kurz der Reihe nach beschreiben?

ROTHWEILER: Ja, in der Tat. Die Stationen des Papstes sind politisch und sozial wichtig für Mexiko. Nach dem Besuch der Hauptstadt, Mexiko-Stadt, der Basisstation des Papstes während des gesamten Besuches, ist die erste Station Tuxtla-Gutierrez und die nahegelegene Stadt San Cristobal de las Casas. Beide Städte gehören zum ärmsten Bundesstaat Mexikos, an der südlichen Grenze des Landes gelegen. Zudem ist San Cristobal de las Casas vor allem dafür bekannt, eine Hochburg einheimischer Völker zu sein. Die Besonderheit dieser Stadt sind einerseits die dort lebenden einheimischen Gemeinschaften und die Verflechtung von prähispanischen, religiösen Praktiken mit dem katholischen Glauben andererseits. Faszinierend ist dort zu beobachten, wie in Kirchen Familien in den traditionellen – lila und schwarzen -Trachten prähispanische Tier- und Pflanzenopfer bringen. Aus diesem Grund wird der Heilige Vater eine Zeremonie mit prähistorischen Traditionen begleiten.

Eine weitere Station ist Ciudad Juarez, eine der Grenzstädte zu den USA im Norden des Landes. Ciudad Juarez ist die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate und Todesrate gewesen, in der es die meisten Opfer aufgrund des Drogenkriegs zwischen den Kartellen gab. Eine Stadt, die gezeichnet ist von Hoffnungslosigkeit, besonders unter Jugendlichen.

Der Besuch des Papstes ist Quelle der Hoffnung und seine Botschaft der Barmherzigkeit wird sicherlich viele Wunden heilen können.

CNA: Franziskus selber sagte, er wünscht sich vor allem eins: Zeit und Ruhe, um bei der Muttergottes von Guadalupe zu beten. Nun hat er sich diesen Wunsch erfüllt. Wie wichtig ist sie wirklich für den Katholizismus in Mexiko und ganz Südamerika?

ROTHWEILER: Die Muttergottes von Guadalupe spielt eine enorm wichtige Rolle nicht nur im Glauben, sondern auch in der Kultur und Geschichte Mexikos und ganz Südamerikas. Ihre Präsenz und ihr Bildnis sind entscheidend, ja Mittelpunkt der Evangelisierung in Südamerika. Ihre Erscheinung vor dem Einheimischen Heiligen Juan Diego am 12. Dezember 1531, nach der Eroberung der Spanier, mit der Physiognomie einer „Mestiza“, Kind eines Spaniers und einer aztekischen Einheimischen, ist wahrhaftes Symbol von Einheit und Frieden beider Völker. Das Bildnis der Muttergottes von Guadalupe trägt viele prähispanische Zeichen und auch ihre Gesichtsform und die leicht bräunliche Hautfarbe – daher auf Spanisch auch liebevoll „Morenita“(kleine Braunhäutige) genannt – trugen und tragen unwiderruflich zur Vereinigung und Verschmelzung beider Völker bei. Ohne sie wäre die Evangelisierung mit gleichzeitiger Geburt eines neuen Volkes nicht denkbar gewesen. Sie ist gleichsam und war in den letzten fünf Jahrhunderten der Verbund zwischen prähispanischer, kolonial und post-kolonialer Zeit, ein Anker der Einheit. Besonders in Mexiko ist die Hingabe und Verehrung der Muttergottes von Guadalupe zentraler Bestandteil des Lebens. Die Tradition, Neugeborene in die Basilika zu bringen und unter ihren Schutz zu stellen, mestizaund die jährlichen Pilgerreisen zum 12.Dezember, dem Erscheinungstag, ziehen Millionen Menschen an diesen Ort. Sie kommen teilweise auf wunden Knien rutschend und betend an, um sich  der Morenita anzuempfehlen. Hier trifft man selbst Menschen, die einem ganz einfach antworten, wenn man sie fragt, ob sie gläubig sind, dass sie „Guadalupano“ oder „Guadalupana“ sind, selbst ohne katholischen oder christlichen Hintergrund.

„Ich hoffe, dass Franziskus uns ermahnt“

P. David Bolaños Villanueva
Parroquia Santos de América
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David Bolaños ist Seelsorger in der deutschen Gemeinde St. Thomas Morus in Mexiko-Stadt. Im Interview erklärt er, wie die Menschen in Mexiko dem Papst-Besuch entgegen sehen und warum er sich vom Pontifex nicht nur freundliche Worte erhofft. Read more